MGB: Das grosse Wenden

  • MGB: Das grosse Wenden


    Wer heute vorbildgerechte MOdell-Züge der MGB zusammenstellen will, sollte wissen, was damals im Dezember 2007 geschah... Und vielleicht interessiert es auch, warum dann 'das grosse Wenden' stattfand...


    Als im Dezember 2007 die ehemalige FO-Strecke via Naters aufgegeben und direkt in den Bahnhof Brig eingeführt wurde, entfiel damit endlich die betrieblich umständliche Spitzkehre in Brig - aber es entstand dafür ein neues Problem: das ex FO-Rollmaterial traf nun 'seitenverkehrt' in Brig ein! Das wäre nicht so schlimm gewesen, wenn das Rollmaterial der früheren FO und BVZ nur auf den jeweiligen Strecken verkehren würde. Das tut es aber seit dem Zusammenschluss der beiden Netze im Jahre 1930 nicht mehr. Es muss also grundsätzlich möglich sein, dass das Rollmaterial ex FO und ex BVZ freizügig eingesetzt werden und z.B. von Zermatt nach Disentis durchlaufen kann. Das wäre aber nach der Inbetriebnahme der neuen Strecke nicht mehr möglich gewesen.


    Warum nicht?



    Da ist als Erstes das Problem der Triebfahrzeuge mit der Betriebsarten-Überwachung zu nennen.


    Welche Betriebsarten gibt es bei der MGB?


    Die Züge der MGB weisen eine so genannte Betriebsarten-Überwachung auf. Bei den Betriebsarten wird unterschieden zwischen 'Adhäsion' und 'Zahnrad'. Tfz, die auch auf der Schöllenen-Strecke verkehren dürfen, weisen zwei weitere Betriebarten auf, nämlich Adhäsion und Zahnrad für eben diese besonders steile Strecke:
    - Stellungen A2 und S bei Deh 51-55 und 91-96
    - Stellungen A2 und SchB bei HGm 61-62


    Der Lokführer hat je nachdem, wo er fährt, die entsprechende Betriebsart im Führerstand einzustellen. Die Umschaltung von Adhäsions- auf Zahnradbetrieb hat verschiedene Änderungen der Einstellungen zur Folge. Dazu ein paar Beispiele:

    - Bei den HGe 4/4 II wird die so genannte Geschwindigkeits-Charakteristik verändert. Zur Illustration: Dreht der Lokführer bei Stellung 'A' (= Adhäsion) am Handrad auf '6', erreicht die Lok auf einer Adhäsionsstrecke in etwa 60 km/h, während bei stellung 'Z' (= Zahnstange) nur ca. 35 km/h erzielt werden.


    - Ebenso erfolgt eine Veränderung der Charakteristik der elektrischen Bremse: Auf einer Zahnstangenstrecke wird mit der elektrischen Bremse eine grössere Bremswirkung erzielt als auf einer Adhäsionstrecke.


    - Auf einer Zahnstangenstrecke wird bei Stellung 'Z' die Geschwindigkeit des talwärts fahrenden Zuges überwacht (V-Überwachung auf Zahnstange). Das bedeutet z.B. auf 110 %o Gefälle (Oberalp, früher auch Furka) zum Beispiel:
    -- Deh 51-55, 91-96 sowie HGm 61-62: 22 km/h
    -- Deh 21 -24 sowie HGe 4/4 II: 27 km/h


    - Auf der Schöllenen-Strecke wird zudem bei den Deh 4/4 und der HGm 4/4 die Vmax von 15 km/h überwacht (bei 16,5 km/h erfolgt eine automatische Schnellbremsung!) und die Rückrollsicherung eingeschaltet, die die Züge bei Bergfahrt vor ungewolltem Zurückrollen bewahrt.



    Was ist die Betriebsarten-Überwachung?


    Die Betriebsarten-Überwachung dient dazu zu kontrollieren, ob der Lokführer die für die jeweilige Strecke richtige Betriebsart eingestellt hat. Falls das nicht der Fall ist, leitet sie eine Schnellbremsung ein.


    Wie 'weiss' die Überwachung im Triebfahrzeug, auf welchem Streckentyp es sich befindet? Der Lokführer wird auf Zahnstangenabschnitten durch einen Warnton, ausgelöst von Permanentmagneten neben dem Gleis am Beginn und am Ende von Zahnstangenabschnitten darauf hingewiesen, dass er die Betriebsart umstellen muss. Macht er dies innerhalb von 10 Sekunden nicht, wird eine Schnellbremsung ausgelöst.


    Wäre nun z.B. eine ex FO-Lok nach der Inbetriebnahme der Osteinfahrt in Brig ohne weitere Massnahme von Brig Richtung Zermatt weiter gefahren wäre, hätte die Überwachung der Betriebsarten 'verkehrt herum' funktioniert, weil die Lok 'verkehrt herum' auf dem Gleis gestanden wäre.
    Anstatt die Triebfahrzeuge ex FO zu wenden, war es das kleinere Übel, diejenigen ex BVZ abzudrehen.


    Damit die Betriebsarten-Überwachung im Gleis auf der BVZ nicht 'verkehrt herum' funktionierte, musste sie ebenfalls umgebaut werden. Damit ist es nun möglich, dass auch eine ex FO-Lok auf der ex BVZ-Strecke fahren kann. Das kommt bei den GEX-Zugdurchläufen regelmässig vor. Die ex BVZ-Triebfahrzeuge können nach dem Wenden bzw. Umbau wieder auf ihrer Strecke verkehren - siehe unten. Wäre die Betriebsart-Überwachung auf der Strecke Brig-Zermatt nicht geändert worden, hätte das zur Folgen, dass den ex FO-Loks immer die falsche Meldung für die Betriebsart-Überwachung gemeldet würde, also am Anfang eines Zahnstangenabschnitts 'Adhäsion' und am Ende 'Zahnstange'!



    Als Zweites ist das Problem der asymmetrischen Anschlüsse auch an den Wagen zu nennen:


    Wie ich schon in meinem Beitrag 'MGB-Schlauchkunde' dargelegt habe, gibt es auf dem Netz der MGB keine Spitzkehre. Diese Tatsache hat es ermöglicht, diverse Anschlüsse stirnseitig nur auf einer Seite anzubringen (z.B. den Schlauch für die Getriebebremse), weil ja das Rollmaterial immer 'gleich herum' auf dem Gleis steht. Nach der Inbetriebnahme der Osteinfahrt Brig mussten darum aber auch die ex BVZ Personenwagen gewendet oder umgebaut werden, um die Züge weiterhin wie gewohnt formieren zu können.



    Welches Rollmaterial wurde gewendet?


    Nicht gewendet und nicht angepasst wurde:
    - die HGe 4/4 15


    Nicht gewendet, aber angepasst wurden:
    - die ABDeh 8/8
    - die Steuerwagen ex BVZ
    - die BD (ex BVZ)


    Alles andere Personenwagen-Rollmaterial ex BVZ wurde gewendet!



    Warum ist das 'Grosse Wenden' für den Modellbahner von Interesse?


    Wer vorbildgerechte Züge zusammenstellen will, weiss nun, dass sich beim ex FO-Rollmaterial nichts geändert hat, wohl aber Einiges beim demjenigen ex BVZ:


    - Geblieben ist das Prinzip, dass bei Pendelzügen im Mattertal das Triebfahrzeug bergwärts und die Steuerwagen talwärts eingereiht sind.


    - Die Deh 4/4 Nr. 21-24 stehen nun umgekehrt im Pendelzug. Wer das mit einem Modell von Bemo realisieren will, sieht sicht genötigt, den Faltenbalg an der anderen Stirnseite anzubringen und die beiden nun unnötigen Löcher für den Faltenbalg zu akzeptieren oder zu verschliessen.


    - Die Zwischenwagen (Ausnahme BD!) sind nun so eingereiht, dass das WC nicht mehr Seite Zermatt, sondern Seite Visp ist.


    - Bei den HGe 4/4 II Nr. 1-5 ist der Führerstand I, erkennbar an der Pfeife, nun wie bei den HGe 4/4 II Nr. 101-108 gegen Disentis ausgerichtet.


    Wenn sich ex BVZ und ex FO-Pendelzüge auf der selben Anlage befinden, müssen diese jeweils umgekehrt stehen, d.h. die Deh müssen in entgegengesetzter Richtung eingereiht sein. Das war im letzten Winter zu beobachten, als ein ex BVZ-Pendelzug am Oberalp eingesetzt war: während die ex FO-Pendelzüge den Deh Seite Disentis haben, steht er beim ex BVZ-Pendelzug Seite Andermatt!


    Auf der Modellanlage verursachen Pendelzüge mit talseitig eingereihtem Deh keine Schwierigkeiten, wenn sie durchgehend mit der Kurzkupplung ausgerüstet sind. So läuft ein BVZ-Pendelzug auf meiner Anlage problemlos, obwohl der Deh talwärts am Zug ist und die Wagen darum bergwärts gestossen werden und talwärts auf den Deh drücken.

    Amiaivels salüds, Don


    "La viafier retica ho bgeras punts" [= La viafier retica o bdscheras punts] = Die Rhätische Bahn hat viele Brücken


    HOm-Anlage 'Lej da Serra', RhB + MGB, auch Brünig/zb, Analog + Lenz Digital plus

  • Hallo Don


    Zitat

    Wer heute vorbildgerechte MOdell-Züge der MGB zusammenstellen will, sollte wissen, was damals im Dezember 2007 geschah... Und vielleicht interessiert es auch, warum dann 'das grosse Wenden' stattfand...


    ... da kann ich nur sagen: Chapeau! - geballte Informationen pur. Nun weiss ich endlich, warum ich Dich so schnell "aktiviert" habe :D


    Bin gespannt auf Deinen nächsten Bericht - vielleicht hast Du ja auch mal etwas "normalspuriges" auf Lager?


    PS. Habe mir erlaubt, in Deinem Beitrag die "Schlauchkunde" zu verlinken :P

    Gruss
    Giorgio


    i5 QuadCore 4GB RAM / WIN7 64Bit / TC9.0B2 Gold / 2L-DCC / SpurN
    2x IB II / 2x IB I als IB-Control / DR5000 / LocoNet+s88 / Qdecoder / LDT / WA5 / WDECN-TN

  • Zitat

    Original von respace99
    ... da kann ich nur sagen: Chapeau! - geballte Informationen pur. Nun weiss ich endlich, warum ich Dich so schnell "aktiviert" habe :D


    Bin gespannt auf Deinen nächsten Bericht - vielleicht hast Du ja auch mal etwas "normalspuriges" auf Lager?


    PS. Habe mir erlaubt, in Deinem Beitrag die "Schlauchkunde" zu verlinken :P


    Hallo Giorgio


    Herzlichen Dank für deine Anerkennung! :] Du erahnst ja gar nicht, wie froh ich bin, dass ich nun weiss, dass du wieder ruhig schlafen kannst nach der vorschnellen Freischaltung :K


    Na, dann machen wir doch gleich noch einen drauf - leider wieder keinen in Normalspur, aber weisst du: ich bin nicht nur so schrecklich hetero, sondern auch so schrecklich Schmalspur! ;)


    Auch ein Dankeschön für die Verlinkung!



    Ausrichtung ex FO-Rollmaterial


    Wie das ex BVZ-Rollmaterial vor und nach dem 'grossen Wenden'ausgerichtet war bzw. ist, habe ich oben beschrieben. Damit aber im Modell korrekte Züge formiert werden können, braucht man auch Informationen über die Ausrichtung des ex FO-Rollmaterials.


    Dazu einige Angaben:


    - HGe 4/4 I: Diese Loks - vorhanden sind noch die Nummern 32, 33 und 36 - stehen so auf dem Gleis, dass sich der Gepäckraum Seite Disentis befindet.


    - HGe 4/4 II: Wie oben schon angegeben, befindet sich der Führerstand I, leicht erkennbar an der Lokpfeife, Seite Disentis.


    - HGm 4/4: Auch diese Loks sind so ausgerichtet, dass der Führerstand I, schnell erkennbar an der Funkantenne, gegen Disentis zeigt.


    - Deh 51-55 und 91-96: Diese Triebwagen befinden sich - wie oben angetönt - immer Seite Disentis


    - Die Steuerwagen sind immer Seite Brig eingereiht.


    - Die Pendelzugwagen zu den Deh 51-55, nämlich die B 4251-4258, stehen so auf dem Gleis, dass sich das WC Seite Brig befindet. Achtung: Nachdem die steuerwagen ABt 4151-4158 das Wc Seite Disentis haben, ergibt es sich, dass zwei WC's direkt beieinander sind, nämlich dasjenige vom ABt und das vom ersten B! Das verleitet Nichtwissende oder 'Ästheten' logischerweise dazu, die beiden Mittelwagen verkehrt herum einzureihen, damit die WC's gleichmässig im Zug verteilt sind. Falsch!


    - Die B 4263-4272 hingegen sind im Gegensatz zu den B 4251-4258 so aufgegleist worden, dass ihr WC Seite Disentis befindet! Tja, ein bizeli verwirrend...


    - Die alten Zweiachs-Personenwagen standen so, dass sich ihre Handbremse Seite Brig befand. Diese Ausrichtung hat mit der Schöllenenstrecke zu tun: Hier stand bzw. steht der Hilfsführer auf der vordersten Plattform Richtung Andermatt, wenn Wagen bergwärts geschoben werden. Für den Notfall muss dem Hilfsführer die Handbremse zur Verfügung stehen!


    - Güterwagen: Auch für die Güterwagen wie die G, aber auch für die Uce usw. gilt dasselbe: Sie stehen so auf dem Gleis, dass die Plattform gegen Brig zeigt, damit sie bei geschobener Bergfahrt Göschenen-Andermatt dem Hilfsführer zur Verfügung steht.

    Amiaivels salüds, Don


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    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von don55 ()

  • Hallo Don


    Super Beitrag.


    Kleine Frage, was ich mich immer bei dieser grossen Wende gefragt habe, die Deh`s waren ja schon vorher beim Pendelzug in Richtung Zermatt eingereiht. Also musste man die Steuerwagen umbauen? weil diese konnte man ja nicht einfach abdrehen. Da die Getriebebremsleitung nur auf einer Seite vorhanden ist gehe ich davon aus, das man diese Steuerwagen umbauen musste?

  • michel : Es war vielleicht etwas viel auf einmal, aber lies nochmals oben:


    Zitat

    Original von don55
    Nicht gewendet, aber angepasst wurden:
    - die ABDeh 8/8
    - die Steuerwagen ex BVZ
    - die BD (ex BVZ)


    @Roland: I sincelery beg your pardon! :D

    Amiaivels salüds, Don


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  • Hallo Zusammen


    Ich greiffe das uralte Thema nochmals hervor. Don können wir ja nun leider nicht mehr fragen, aber evtl. kann mir die Info noch jemand anders geben z.B. zermatt .


    Vor der Wende, sprich im zeitraum zwischen der Fusion und der Wende, sprich 2003-2007, kamen ja gelegentlich auch ex BVZ HGe 4/4 II mit dem GEX nach Disentis, dies ging ohne Probleme. Ist bekannt ob auch Zermatterpendel (HGe 4/4 II) in der BVZ bzw. MGB Lackierung auf den ex FO Teil kamen z.B. bis Andermatt. Wenn ja würde dies heissen, das die Lok richtung Disentis war und nicht wie das heute der Fall wäre Richtung Brig.


    Besten Dank für die Infos.

  • Hallo Zusammen


    Auch wenn der letzte Beitrag nun bald 6 Jahre zurück liegt, möchte ich dieses Thema nochmals aufgreifen. Die damaligen Infos von Don, sowie viele weitere Infos habe ich jeweils als Notitzen zusammen getragen und nun endlich die Zeit gefunden dies zusammen zu fassen. Das erstellte Dokument möchte ich euch nicht vorenthalten, natürlich dürfen Ergänzungen, Änderungen etc. gerne angebracht werden.


    Die Informationen sollten relativ komplett sein, was fehlt ist die Ausrichtung der beiden Benzintriebwagen, sowie die Überprüfung der Richtigkeit bei den 4-Achs Plattformwagen bzw. den Umbauwagen (ex. Plattformwagen) sowie die BVZ Mitteleinstiegswagen sowie ex. Brünig Mitteleinstiegswagen bei der BVZ.

  • Vielen Dank Michel für diese Zusammenstellung. Meine "Epoche" ist die Zeit bis zur Fusion (MGB). Das macht es einfacher. Muss bei nächster Gelegenheit kontrollieren wie meine Loks stehen. Anhand von Fotos habe ich mir die Richtung mit einem Pfeil, der nach Brig zeigt, auf der Fahrzeugunterseite der Loks markiert.

    Dank Deiner Liste gibts bald auch Pfeile bei den Wagen.

    Gruss Christian

  • Hallo Michiel,


    auch mir macht das Lesen solcher Berichte unglaublichen Spaß. Muss ich meist zwei drei mal lesen damit es richtig klick macht....;)


    Gerade Zugzusammenstellung ist bei mir noch nicht ganz so durchgedrungen und egal um welche Gesellschaft es sich handelt, alleine die Beweggründe warum man was macht, bzw. weshalb dann wieder Ausnahmen zwangsläufig daraus entstehen müssen, macht mein Bild kompletter!


    Danke für diese Abhandlung, wenn auch nicht direkt als Anwender begünstigter!

    Gruass, Peter




    Intellibox IR, IntelliLight, Light@Night, Selbstbau gleis Code 70, Rückmeldung: LocoNet, QDecoder, MBTronik WA5, Win-Digipet, Dc Car Stahldraht,

  • Hallo Zusammen


    Danke für eure Rückmeldungen. Freut mich, dass der eine oder andere doch etwas mit dem Dokument anfangen kann. Mittlerweile kamen noch einige Inputs, Infos sowie weitere Wagenfamilien hinzu und wurden somit im Dokument ergänzt. Das geänderte Dokument habe ich im ursprünglichen Beitrag eingefügt.